Der Wolf & was die Geißlein in Facebook schrieben – Heinz Bayer Salzburger Nachrichten

 

Der Wolf & was die Geißlein in Facebook schrieben

Gastkommentar zum Thema Wolf von Heinz Bayer – Chef vom Dienst Salzburg-Lokal, Salzburger Nachrichten

 

Sie werden grimmig schauen. Die Brüder Grimm. Aber es muss sein. Einer ihrer Psychothriller, der vom Wolf und den Geißlein, gehört umgeschrieben.

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen. Da rief sie alle sieben herbei und sprach: „Liebe Kinder, ich muss hinaus in den Wald. Seid brav, sperrt die Türe gut zu und nehmt euch in Acht vor dem Wolf! Wenn er hereinkommt, frisst er euch mit Haut und Haaren.“ Die Geißlein sagten: „Liebe Mutter, wir wollen uns schon in Acht nehmen!“ Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, liebe Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!“

Aber die Geißlein hörten an der rauen Stimme, dass es der Wolf war. „Wir machen nicht auf“, riefen sie, „du bist nicht unsere Mutter. Die hat eine liebliche Stimme, deine aber ist rau. Du bist der Wolf!“ Wie kleine Geißlein heutzutage so sind, stellten sie das sofort auf Facebook. Es machte rasch die Runde.

Auch ein paar Stodinger (Bewohner der Stadt) schnappten es auf. Und natürlich Menschen vom Land. Die fassten Mut. Und schrieben: „Bei uns war er auch. Aber nicht bloß an der Türe. Er hat viele Schafe gerissen und war ganz nahe an unseren Häusern!“ Da antworteten manche Stodinger und stellten Lach-Emojis dazu: „Fürchts euch doch nicht immer, ihr Landeier! Der Wolf ist ein voi Netter. Praktisch brav wie ein Schaf! Regts euch nicht auf, wegen die paar Schafi und Goaß. Die zahlt euch eh die EU!“ Ein anderer Stodinger klopfte wild wie Armin Wolf in die Tasten: „Schützt ihn, den Wolf! Um jeden Preis!“ Wieder andere schrieben: „Und überhaupst: Der Biber ist auch total nett und verjüngt radikal eure Baumbestände. Ihr müssts euch nicht gleich immer volle ärgern, wenn der Traktor in Löcher rutscht, die der Biber in Ufernähe graben tut.“ Engagierte Tierschutz-Stodinger posteten: „Ja, und der nette Fischotter. Der hilft doch nur, dass eichane Fisch‘ nit z’fett werden – und zu viel. Die faulen Fische frisst der Otter. Den Schnellen, den Fitten, gelingt ja eh die Flucht.“

Da verstanden die Gebirgler die Welt nicht mehr. Sie gingen in ihre Stuben, beteten ein Vaterunser, zündeten Kerzerl an. Sie fragten sich, während beim einen oder anderen der Hals a bissl dick wurde: „Dürfen wir bitte noch selbst über unser Leben bestimmen oder mochn das jetzt die Stodinger und soichane Damen und Herren aus Bruxelles?“ Während sie sich das fragten, fielen draußen Krähen in Scharen über ihre Siloballen her und pickten Löcher hinein. Da reichte es den Gebirglern. Sie sperrten die Wanderwege. Die Loipen. Die Mountainbike-Wege. Und sie schrieben: „Eure Motorradtreffen, mit denen ihr jed’s Wochenend‘ die Gegend verlärmts, die könnts in der Stadt machen, es Stodinger!“ Ja, ja: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann verstehen sie einander heute noch nicht. Die Stodinger und die Gebirgler.

 

Vielen Dank für den Gastkommentar!

JAGAHANS

 

Quelle: https://www.sn.at/kolumne/lokalpatriot/der-wolf-was-die-geisslein-in-facebook-schrieben-28502182 © Salzburger Nachrichten VerlagsgesmbH & Co KG 2018

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Foto: Pixabay

 

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