der Wald brennt

Der Wald brennt …

Inspiriert von Gesprächen mit Gerald Brettschuh, dem international anerkannten Maler und Grafiker aus Arnfels handelt mein aktueller Bericht vom gefährdeten Ökosystem Wald. Unser Wald steht unter Druck. Trockenheit, Stürme, Borkenkäfer und Co. haben biologische, witterungsbedingte und menschengemachte Ursachen.

Ich bedanke mich bei Hr. DI Horst Leitner vom Büro für Wildökologie und Forstwirtschaft für diesen Gastbeitrag!

JAGAHANS

 „Our house is burning“, sagte Präsident Emmanuel Macron im Zusammenhang mit dem enormen Ausmaß der Brände im Amazonas Regenwald. Die Betroffenheit war groß. Die Kunstinstallation „For Forest“ von Klaus Littmann im Klagenfurter Wörtherseestadion hat der Walddiskussion eine neue Bühne eröffnet. Nicht zuletzt gerät der Wald auch in heimischen Gefilden zusehends unter Druck. Die Ursachen dafür sehen Naturschützer, Grundeigentümer, Industrielle und die jeweiligen Lobbyisten naturgemäß unterschiedlich. Ganz zu schweigen von möglichen Lösungswegen für die Zukunft. Die Diskussion ist eröffnet.

Wir alle leben vom Wald. Kaum ein Österreicher zweifelt heute noch am großen Nutzen des Waldes in Form von Erosions- und Lawinenschutz, Frischluft, sauberem Wasser, Lebens- und Erholungsraum sowie Naturprodukten. 48 Prozent der Landesfläche sind Wald.

Doch erfüllt unser Wald noch die erwarteten Leistungen? Immer öfter ist auch hierorts vom Waldsterben durch Käferbefall, Trockenheit oder Wind- und Schneebruch und Wildeinfluss die Rede. Experten sind sich einig, dass die Fichte, der über Jahrzehnte hoch gepriesene Brotbaum der Forstwirtschaft, unter einer Seehöhe von 600 Meter über kurz oder lang verschwinden wird. Was ist los mit Bruder Baum?

Abnahme in Österreich doppelt so stark wie in Deutschland

 Tatsächlich nimmt die mit Bäumen überschirmte Fläche in Österreich seit drei Jahrzehnten ab. Dies berichtet ein Forscherteam der Humboldt Universität Berlin, der Oregon-State-Universität und der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Gründe sind vielfältig, liegen in der Nutzung von Holz, im Käferbefall oder in natürlicher Mortalität. Die Abnahme ist in Österreich fast doppelt so stark wie in Deutschland. Forst- und Industriekreise schenken diesem Ergebnis überraschend wenig Beachtung. Vielleicht, weil die Waldfläche quantitativ zunimmt. Wenn man jedoch von der Klimawirksamkeit der Wälder spricht, ist die überschirmte Fläche der bessere Indikator, zumal laut Forstgesetz zur Waldfläche auch Kahlhiebe, Blößen, Lagerplätze und Forststraßen gerechnet werden.

Kontroversiell werden die Argumente auch in Hinblick auf das Kohlenstoff-Speichervermögen des Waldes geführt. Die Zielsetzungen sind nachvollziehbar.

Waldeigentümer wollen vom Wald leben, aber vor allem die Industrie möchte ihre teuren und in Österreich in besonderer Dichte vorhandenen, holzverarbeitenden Werke ausgelastet sehen. Im Branchenbericht der Holzindustrie 2017/18 wird sinngemäß formuliert, dass die Industrie durch ständige Kapazitätserhöhungen immer mehr an Rohstoff benötigt. Immer öfter geraten sich Papierindustrie, Sägeindustrie und Betreiber von Biomassekraftwerken um die knappen Ressourcen in die Haare. Doch rasch vereint und mit der – der Wirtschaft innewohnenden – Steigerungslogik, manchmal auch behördlich unterstützt, fordern sie die sogenannte Holzmobilisierung. Es heißt, es könnte noch deutlich mehr Holz genutzt werden, ohne an der Mengennachhaltigkeit im Wald zu kratzen. Neuerdings wird die Sinnhaftigkeit der Holzmobilisierung auch mit dem Argument der Kohlenstoffspeicherung in Holzprodukten verquickt. Unerwähnt bleibt, dass ein Drittel der Baummasse ohnedies in Form von Wurzeln und Stock im Wald verbleibt und fast ein weiteres Drittel unmittelbar nach der Ernte verbrannt oder zu kurzlebigen Produkten verarbeitet und der darin gespeicherte Kohlenstoff in kürzester Zeit der Atmosphäre rückgeführt wird. Ein gutes Drittel des Baumes kann als Bau- und Möbelholz länger CO speichern. Wenn dies für ein paar Jahrzehnte gelingt, ist das schon eine lange Zeit.

Bäume sollten deutlich älter werden dürfen

In der Tat ist es aber so, dass Bäume mit 80 bis 100 Jahren weit vor ihrem natürlichen Alterstod geerntet werden. Die Industrie zahlt Stämme über 40 Zentimeter Durchmesser schlechter, und der Forstwirt gibt sich mit einem vermeintlich geringeren Betriebsrisiko zufrieden. Bliebe der Baum stehen, könnte er noch ein paar Jahrzehnte der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen und speichern, ehe er als Starkholz geschlägert wird. Einige Jahrhunderte wären es, ließe man ihn eines natürlichen Todes sterben. Die Kohlenstoffspeicherung fände dann vom Wipfel bis zur Wurzelspitze statt. Ein schönes, wenn auch extremes Beispiel, wie lange Verrottungsprozesse dauern können, findet sich in einem der letzten Urwaldreste in Österreich, im Rothwald. Dort wurde das Absterben einer riesigen Tanne zu Beginn des 20 Jahrhunderts dokumentiert. Umgefallen ist sie erst 100 Jahre später, und das Verrotten wird es noch weitere Jahrzehnte brauchen. Während dieses langen Verrottungsprozesses wird ein Teil des Kohlenstoffs frei, ein weiterer Teil wird zu Humus und bleibt darin gebunden. Zusätzlich speichert Totholz auch jede Menge Wasser.

Bis zum Jahr 2050 geben uns die Klimaforscher Zeit, eine ausgeglichene Kohlenstoffbilanz zu erreichen. Ein starkes Argument, Bäume deutlich älter werden zu lassen. Marktmotivierte Mätzchen sind hier kontraproduktiv, ja sogar gefährlich. Was nicht bedeutet, Holz gar nicht mehr zu nutzen. Ein kluger Mittelweg aus Naturwaldzellen, längerer Umtriebszeit und nachhaltiger naturnaher Forstwirtschaft wird nötig sein, um den besten Näherungswert einer idealen Kohlenstoffbilanz aus unserem Waldökosystem herauszuholen.

In Bayern will jetzt Ministerpräsident Markus Söder den Staatswald nicht mehr gewinnorientiert bewirtschaften, sondern zum Klimaspeicher umbauen lassen. In der Biodiversitätsstrategie von 2007 verpflichtete sich jedes deutsche Bundesland, bis nächstes Jahr 5 Prozent des Waldes beziehungsweise 10 Prozent des Staatswaldes außer Nutzung zu stellen. Bayern liegt derzeit bei 1,3 Prozent. Söder spricht nun von einer „moralischen Herausforderung zur Bewahrung der Schöpfung“; Klimaschutz müsse unabhängig von der konjunkturellen Lage gestaltet werden. In Deutschland wie in Österreich sind bei Nichteinhaltung der Pariser Klimaziele bis zum Jahr 2030 Strafzahlungen in Milliardenhöhe zu erwarten. Der Wald könnte hier einiges abzupuffern helfen. Österreichs Bundesforste sind

gefordert, ihre im Bundesforstegesetz verankerte gewinnorientierte Struktur als Aktiengesellschaft zu überdenken. Auch das Auszahlen von Boni für Mitarbeiter bei hohen Gewinnen kann für einen Betrieb, dessen wahren Erfolge erst in hunderten Jahren zu ermessen sind, diskutiert werden.

Die Art und Weise der Waldbewirtschaftung hat jedoch nicht nur einen enormen Einfluss auf den Kohlenstoffkreislauf, sondern auch auf den Wasserhaushalt und die Ressource Frischluft. Ohne Zweifel erleichtern Lkw-befahrbare Forststraßen die Waldbewirtschaftung. Allerdings hat diese Form der Erschließung, deren Gesamtlänge fast zehn Mal den Äquator umspannt, unweigerlich Einfluss auf den Wasserhaushalt. Und diese Wege führen das Wasser schnellstmöglich zusammen, leiten es bis zum nächsten Graben oder Bach, und schon ist das Wasser aus dem Wald und in den Siedlungsräumen. Zweimal schlecht gelaufen könnte man sagen. Zum einen würde der Wald in Zeiten des Klimawandels und der damit verbundenen häufigeren und längeren Dürrezeiten das Wasser dringend für seine Gesunderhaltung benötigen, es könnte auch langsam durch den Filter von Boden und Gestein zu Quellen gelangen, die uns mit Frischwasser versorgen, und es müsste nicht mühsam mit Sperren und Regulierungen gebändigt werden, damit wir unseren Siedlungsraum weiterhin einigermaßen sicher bewohnen können.

In Sachen Wassermanagement im Wald bleibt noch viel zu tun.

 

Alte Waldflächen sind in Hitzeperioden deutlich kühler

Hinsichtlich der Bereitstellung von Frischluft haben Forscher der ETH Zürich nachgewiesen, dass alte Waldbestände in Hitzeperioden deutlich kühler sind als Freiflächen. Ob nun aus Gründen der frischen Luft vor Ort oder der Reduktion der globalen Erwärmung wegen, muss die gängige Praxis des Kahlschlagbetriebes in Österreich hinterfragt werden. Unschwer ist beim Grenzübertritt nach Slowenien, Italien oder Bayern zu erkennen, dass die Nachbarn diese Art der Holznutzung kaum betrieben oder schon längst wieder aufgegeben haben. Der Schwerpunkt liegt dort auf Dauerwaldbetrieb, also Einzelbaumnutzung. In Österreich beträgt derzeit die maximale Größe für einen Kahlschlag zwei Hektar.

Gut wasserversorgte, geschlossene, strukturierte und gemischte Wälder sind stabil und können durch Stürme oder Forstschädlinge nicht so leicht aus den Angeln gehoben werden. Diese Form der resilienten Wälder ist Stand der forstlichen Ausbildung, wie sie seit den 1980ern in Forstschulen und an der Universität für Bodenkultur gelehrt wird, in Letzterer zunehmend auch in Zusammenhang mit der bereits damals absehbaren Klimaerwärmung. Allein, bei vielen Waldeigentümern und ihren Beratern ist diese Botschaft zu wenig

angekommen. Die einfache Bewirtschaftung von Fichten-Monokulturen und die Gewinnaussichten waren zu verlockend. Nun sind fast 40 Jahre verstrichen, und Teile der Branche tun so, als wäre die Erwärmung für sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen. Freilich, die Schuld an der Erwärmung trägt nicht die Forstwirtschaft, aber die Vorbereitung auf sich ändernde Verhältnisse hat man auf vielen Flächen versäumt.

Die Verjüngung des Waldes leidet neben waldbaulichen Fehlern auch an zu hohen Schalenwildbeständen. Boku-Professor Klaus Hackländer bezeichnet Österreich ob seiner hohen Schalenwilddichten gar als „Europameister in Sachen Futter für den Wolf“. Ein Mosaikbaustein zur Verhinderung einer Klimakatastrophe ist eine Reduktion der Wildbestände, um das Aufkommen stabiler Mischwälder nicht unnötig zu verzögern oder gar zu verhindern. Wildreduktion kommt dem Wohle des Menschen zugute. Und keine Sorge, Wildbestände erholen sich rascher als der Wald.

Die Bedeutung eines funktionierenden Ökosystems Wald ist unbestritten und auch unbezahlbar. Um einen gesunden Wald zu erhalten, ist es nötig, eingefahrene Denkmuster aufzugeben. Zeitgemäße Ausbildung, geeignete Förderinstrumente für Waldbesitzer und eine personell gut ausgestattete Forstbehörde können einen wesentlichen Beitrag leisten. Eigentlich bescheidene Forderungen im Vergleich zu dem, was wir den Amazonas-Staaten abverlangen.

 

Quellen:

DI HORST LEITNER Büro für Wildökologie und Forstwirtschaft e.U., Anton-Gassner-Weg 3, 9020 Klagenfurt am Wörthersee

www.wildoekologie.at

www.lebensraumvernetzung.at

www.beutegreifer.at

 

Bild:

Gerald Brettschuh „der Wald brennt“

www.brettschuh.com

 

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